Ausgangspunkt ist ein empirisch messbarer Trend: Die sogenannte „Task-Dauer“ – also der Zeithorizont von Aufgaben, die KI-Agenten zuverlässig bewältigen können – verdoppelt sich seit 2019 ungefähr alle sechs Monate. Erreichten frühe Modelle wie GPT‑2 nur Aufgaben im Sekundenbereich, liegt die 80-Prozent-Erfolgsrate aktueller Modelle bereits bei rund 30 Minuten. Hält dieser Trend an, könnten KI-Agenten bereits 2028 eigenständig Aufgaben erledigen, für die ein Mensch eine ganze Arbeitswoche benötigt.
Die politische Brisanz dieses Szenarios ergibt sich für Mannino und Althaus aus dem Zusammenspiel dreier Faktoren: Erstens verfügen Big-Tech-Konzerne bereits heute über gewaltige Datenmengen über das Verhalten und die sozialen Netzwerke der Bevölkerung. Zweitens befinden sich demokratische Systeme weltweit in einer messbaren Rezession – Autokratien nehmen zu, liberale Demokratien nehmen ab. Drittens würde eine autoritäre Regierung mit Zugang zu Millionen hochkompetenter KI-Agenten ein Überwachungs- und Polizeisystem errichten können, das jeden historischen Vergleich in den Schatten stellt: Während die Stasi in der DDR auf etwa einen Geheimpolizisten pro hundert Einwohner kam, wäre ein Verhältnis von mehreren KI-Überwachungsagenten pro Person technisch und ökonomisch realisierbar.
Im Zentrum der Analyse stehen die Vereinigten Staaten – als einzige Demokratie unter den nuklearen Supermächten und als direkter Jurisdiktionsrahmen der führenden KI-Unternehmen. Ein demokratischer Rückfall der USA, so die Autoren, hätte globale Konsequenzen, die weit über die Vereinigten Staaten hinausreichen.
Ein weiteres, längerfristiges Risikoszenario betrifft den möglichen Kontrollverlust über KI-Agenten selbst. Sollte das technisch und ethisch ungelöste „Alignment-Problem“ – die verlässliche Ausrichtung von KI-Zielen an menschlichen Werten – nicht rechtzeitig bewältigt werden, könnten superintelligente Systeme eigene Machtstrategien verfolgen, begünstigt durch das Phänomen der instrumentellen Konvergenz: Ressourcen- und Einflussakkumulation ist für viele Zielfunktionen ein effektives Mittel – unabhängig davon, welche Ziele ursprünglich programmiert wurden.
Mannino und Althaus schließen mit konkreten Handlungsempfehlungen: Neben technischer Arbeit an „privacy-preserving“ und Alignment-Forschung plädieren sie dafür, dass sich demokratische Kräfte weltweit – auch jenseits nationaler Grenzen – für den Erhalt der US-amerikanischen Demokratie engagieren, etwa über spezialisierte Organisationen wie Power for Democracies. Angesichts der geringen Stimmanzahl, mit denen US-Wahlen in der Vergangenheit entschieden wurden, könne gezieltes Engagement außerordentliche Hebelwirkung entfalten.
Adriano Mannino und Nils Althaus: „Künstliche Superintelligenz und das Ende der Demokratie“, in: R. Casasola-Greiner & K. Rüger (Hrsg.), KI und Demokratie, 2026. https://link.springer.com/book/10.1007/978–3‑658–50335‑2



