Musgrave wurde 1940 in Manchester geboren. Er studierte Philosophie und Wirtschaftswissenschaften an der London School of Economics und wurde dort 1969 unter der Betreuung von Karl Popper promoviert. Im selben Jahr folgte er einem Ruf auf den Lehrstuhl für Philosophie an der University of Otago in Neuseeland, den er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2011 innehatte. Von 1970 bis 2005 stand er zudem der dortigen Philosophieabteilung vor.
Musgrave und Hans Albert gehörten beide zum philosophischen Kreis um Karl Popper. Sie verband eine langjährige intellektuelle und persönliche Freundschaft mit regem Austausch auf Konferenzen und dem Europäischen Forum Alpbach. „Natürlich habe ich bei diesen Gelegenheiten viele bedeutende Gelehrte getroffen und viel gelernt“, berichtete Musgrave in einem Beitrag für den Sammelband Begegnungen mit Hans Albert. „Das Beste daran war jedoch das Wiedersehen mit Hans. Wir waren uns in allen wichtigen Fragen einig und kämpften Seite an Seite im verbalen Schlagabtausch zwischen Kritischem Rationalismus und den Mächten der Finsternis – den irrationalistischen, relativistischen und konstruktivistischen Ansichten, die sich in der Philosophie weltweit manifestierten. Es war für mich immer ermutigend festzustellen, dass Hans und ich übereinstimmten. Das bestärkte mich in der Annahme, dass ich nicht völlig vom rechten Weg abgekommen sein konnte.“
Hans und Gretl Albert übersetzten das Manuskript von Musgraves Hauptwerk Common Sense, Science and Scepticism ins Deutsche, das damit noch vor der englischen Originalversion erschien. Gemeinsam mit Alfred Bohnen gab Musgrave die Festschrift Wege der Vernunft zu Hans Alberts 70. Geburtstag heraus, zu der er selbst einen pointierten Beitrag zur Frage „Was ist Kritischer Rationalismus?“ beisteuerte.
Verteidiger des Realismus
Musgraves philosophische Position lässt sich als konsequente Verteidigung eines wissenschaftlichen Realismus beschreiben. Gegen antirealistische Strömungen in der Erkenntnistheorie argumentierte er, dass wissenschaftliche Theorien – so vorläufig und fehlbar sie auch sein mögen – Aussagen über eine von unserer Wahrnehmung unabhängige Realität machen können und sich durch kritische Prüfung bewähren müssen.
Eng damit verbunden war seine Auseinandersetzung mit dem Skeptizismus. In Common Sense, Science and Scepticism kritisierte er insbesondere den impliziten Gewissheitsanspruch radikaler skeptischer Positionen: Wer Wissen nur unter der Bedingung absoluter Sicherheit gelten lasse, erkläre alles Wissen für unmöglich. Dem setzte Musgrave eine fallibilistische Konzeption von Rationalität entgegen. Wissenschaft und Alltagsverstand stehen für ihn nicht im Gegensatz, sondern beruhen auf derselben kritischen Haltung: auf der Bereitschaft, Überzeugungen zu prüfen, Einwände ernst zu nehmen und Irrtümer zu korrigieren, ohne dabei in ein Beliebigkeitsdenken zu verfallen.
In dem Aufsatzband Essays on Realism and Rationalism versammelte Musgrave zentrale Arbeiten, in denen er diese Position systematisch entfaltet und gegen verschiedene antirealistische und relativistische Ansätze verteidigt. Dabei setzte er sich unter anderem kritisch mit Thomas Kuhns Paradigmentheorie und Paul Feyerabends methodologischem Anarchismus auseinander.
2012 erhielt Musgrave die Humanities Aronui Research Medal der Royal Society of New Zealand, 2013 die Distinguished Research Medal der University of Otago – die höchste Forschungsauszeichnung der Universität. Ebenfalls 2012 wurde zu seinen Ehren das Alan Musgrave Scholarship in Philosophy ins Leben gerufen, das internationalen Studierenden ein Studium der Philosophie in Otago ermöglicht. „Wir alle werden ihn sehr vermissen, nicht nur wegen seiner tiefgründigen philosophischen Intelligenz, sondern auch wegen seiner Freundlichkeit und Aufmerksamkeit gegenüber Studierenden und Kollegen sowie seines reichen Fundus an oft urkomischen Anekdoten über einige der bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts“, heißt es in dem Nachruf auf der Website der Universität.
Die derzeitige Leiterin des Fachbereichs Philosophie, Heather Dyke, interviewte Musgrave im Jahr 2012, um mit ihm über sein Leben, seine akademische Karriere und seine philosophischen Ideen zu sprechen:



