24. Juni 2021

Neue Umfrage zu Esoterik und Pseudowissenschaft in Deutschland

Alternativmedizin verliert Zuspruch in der Pandemie

Nur noch ein Drit­tel der Deut­schen (33 Pro­zent) glaubt, dass Homöo­pa­thie so gut wirkt wie kon­ven­tio­nel­le Medi­zin; in ver­gleich­ba­ren Befra­gun­gen der ver­gan­ge­nen 20 Jah­re hat­ten Glo­bu­li & Co. noch bis zu drei Vier­tel der Deut­schen über­zeugt. Ähn­lich fällt das Urteil über alter­na­ti­ve Heil­ver­fah­ren ins­ge­samt aus: Nur noch 35 Pro­zent der Befrag­ten möch­ten, dass soge­nann­te Alter­na­tiv­me­di­zin zusätz­lich zur moder­nen Medi­zin eine Rol­le in der Ver­sor­gung spielt. Das sind zwei Ergeb­nis­se einer umfang­rei­chen reprä­sen­ta­ti­ven Umfra­ge, die die Gesell­schaft zur wis­sen­schaft­li­chen Unter­su­chung von Para­wis­sen­schaf­ten (GWUP) beim Insti­tut KANTAR (vor­mals EMNID) beauf­tragt hat, um die Ein­stel­lung zu Eso­te­rik und Pseu­do­wis­sen­schaft aus­zu­lo­ten.

„Es ist ein gutes Zei­chen für die Gesund­heits­ver­sor­gung, wenn zwei Drit­tel der Bevöl­ke­rung dubio­se Heil­me­tho­den ableh­nen. Die Erfah­run­gen aus der Pan­de­mie zei­gen, dass wir Krank­hei­ten nur mit Wis­sen­schaft und moder­ner Medi­zin bekämp­fen kön­nen“, sagt Amar­deo Sar­ma, Vor­sit­zen­der der GWUP und Bei­rats­mit­glied des Hans-Albert-Insti­tuts. „Ich freue mich über das Ergeb­nis, denn es unter­streicht auch die Wir­kung unse­rer Auf­klä­rungs­ar­beit. Ich bin über­zeugt, dass wir damit Men­schen bei wich­ti­gen Ent­schei­dun­gen hel­fen, Unsi­cher­heit neh­men und nicht zuletzt Leid ver­hin­dern, das durch fal­sche Behand­lun­gen ent­steht.“

„Als Medi­zi­ne­rin freut es mich, wenn immer mehr Men­schen sich mit ihrer Gesund­heit befas­sen und Heils­ver­spre­chen kri­tisch hin­ter­fra­gen“, sagt die Ärz­tin und HAI-Bei­rä­tin Dr. Nata­lie Grams, die sich eben­falls für die Zie­le der GWUP ein­setzt. Seit die ehe­ma­li­ge Homöo­path­in die soge­nann­te Alter­na­tiv­me­di­zin kri­ti­siert, sieht sie sich immer wie­der Anfein­dun­gen aus­ge­setzt. „Für mich bedeu­tet die sin­ken­de Zustim­mung zur Homöo­pa­thie, dass es sich lohnt, öffent­lich zur Wis­sen­schaft zu ste­hen und sich von Indus­trie-Inter­es­sen nicht mund­tot machen zu las­sen. Weni­ger Glo­bu­li bedeu­tet für Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mehr gute Medi­zin, die wirk­lich wirkt.“

Querdenker schüren Angst vor Technologie


Wäh­rend der Zuspruch zur soge­nann­ten Alter­na­tiv­me­di­zin sinkt, nimmt jedoch die Angst vor ver­meint­li­chem Elek­tro­smog zu: Knapp über die Hälf­te der Befrag­ten (56 Pro­zent) hal­ten Strah­len in Zusam­men­hang mit Mobil­funk oder Über­land­lei­tun­gen für gesund­heits­schäd­lich, obwohl es kei­ne trif­ti­gen Grün­de dafür gibt. Dr. Holm Hümm­ler erkennt dar­in den star­ken Ein­fluss einer poli­ti­schen Kam­pa­gne. Der Phy­si­ker beschäf­tigt sich inner­halb der GWUP mit ver­schie­de­nen Ver­schwö­rungs­my­then, der­zeit vor allem mit sol­chen aus der „Querdenker“-Szene. „Die Angst vor Elek­tro­smog wur­de schon vor der Pan­de­mie von rechts­ex­tre­men und ver­schwö­rungs­ideo­lo­gi­schen Grup­pen geschürt, die vor allem übers Inter­net gegen den Mobil­funk­stan­dard 5G agi­tie­ren. In der Pan­de­mie haben sich die­se Vor­stel­lun­gen dann mit den Erzäh­lun­gen der Quer­den­ker ver­mischt. Das ist kei­ne gute Basis, um die Digi­ta­li­sie­rung im Land vor­an­zu­brin­gen“, sagt Hümm­ler.

Esoterik ist in keiner Partei mehrheitsfähig


Im Super­wahl­jahr 2021 mit vie­len Land­tags- und Kom­mu­nal­wah­len sowie der Bun­des­tags­wahl im Sep­tem­ber beleuch­te­te die Umfra­ge auch, wie die Ein­stel­lung zu Eso­te­rik und Pseu­do­wis­sen­schaft mit der Par­tei­en­prä­fe­renz der Befrag­ten zusam­men­hängt. Ein Ergeb­nis: Unter den Anhän­gern kei­ner ein­zi­gen Par­tei, die der­zeit den Deut­schen Bun­des­tag stel­len, gibt es eine Mehr­heit für eine der abge­frag­ten eso­te­ri­schen Über­zeu­gun­gen. Kuri­os: Anhän­ger des rech­ten (AfD) und des lin­ken Spek­trums (Die Lin­ke) eint, dass sie etwas häu­fi­ger an Hell­se­her, Elek­tro­smog und Spuk glau­ben als die Wäh­ler ande­rer Par­tei­en. Die Annah­me, Anhän­ger von Bünd­nis 90/Die Grü­nen hät­ten eine beson­de­re Nähe zur Homöo­pa­thie, hat sich in die­ser Umfra­ge als Vor­ur­teil her­aus­ge­stellt: Sie glau­ben nicht deut­lich häu­fi­ger an Glo­bu­li & Co. als die Sym­pa­thi­san­ten ande­rer Par­tei­en. „Für unse­re Demo­kra­tie ist es ein gutes Zei­chen, dass Eso­te­rik in kei­ner Par­tei mehr­heits­fä­hig ist“, meint Amar­deo Sar­ma. „Damit soll­te es für die poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen mög­lich sein, ihre Ent­schei­dun­gen anhand wis­sen­schaft­li­cher Fak­ten zu tref­fen, ohne den Unmut der eige­nen Basis fürch­ten zu müs­sen.“

Über die Umfrage


Für die­se Erhe­bung hat KANTAR 2009 Per­so­nen ab 14 Jah­ren von März bis April 2021 befragt, also auf einem Höhe­punkt der Pan­de­mie in Deutsch­land. Es ist die ers­te Umfra­ge zu The­men aus Eso­te­rik und Pseu­do­wis­sen­schaft, die die GWUP beauf­tragt hat.

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