HANS ALBERT

EIN JAHRHUNDERTDENKER

Wie nur wenige hat Hans Albert die Philoso­phie des 20. Jahrhun­derts geprägt. Neben Max Weber und Karl Pop­per zählt er zu den bedeu­tend­sten Wis­senschaft­s­the­o­retik­ern weltweit. Als Vor­denker des Kri­tis­chen Ratio­nal­is­mus ste­ht er für eine wis­senschaftliche Denkweise, welche sich durch Klarheit, Kri­tik­fähigkeit und Aufgeschlossen­heit gegenüber alter­na­tiv­en Denkan­sätzen ausze­ich­net. Es ist nicht zulet­zt auch Albert zu ver­danken, dass die Tra­di­tion des kri­tis­chen Denkens nach dem zivil­isatorischen Ein­bruch des Nation­al­sozial­is­mus in Deutsch­land wieder Fuß fassen kon­nte. In seinem Stan­dard­w­erk „Trak­tat über kri­tis­che Ver­nun­ft“ präzisierte er nicht nur die wis­senschaftliche Logik und Methodik, son­dern zeigte auch, dass das Bemühen um kri­tis­che Ratio­nal­ität eine zen­trale ethis­che Verpflich­tung ist, der wir uns alle­samt stellen soll­ten. Die Meth­ode der kri­tis­chen Prü­fung hält Albert näm­lich „nicht für ein abstrak­tes Prinzip ohne exis­ten­tielle Bedeu­tung, son­dern für eine Lebensweise.“

Wis­senschaftlern wird oft nachge­sagt, dass sie sich unver­ständlich und unnötig kom­pliziert aus­drück­en. Von Hans Albert kann man das wahrlich nicht behaupten. Ganz im Gegen­teil: Sein Denken zeich­net sich durch außeror­dentliche Klarheit und Redlichkeit aus. Vor allem „große Worte ohne Sub­stanz“ stachel­ten seine Lust an der Kri­tik immer wieder an – so etwa bei einem Sym­po­sium anlässlich seines 85. Geburt­stags in Hei­del­berg: Ein hoch deko­ri­ert­er Ref­er­ent hielt damals einen typ­is­chen geis­teswis­senschaftlichen Vor­trag mit aller­lei alt­griechis­chen und lateinis­chen Zitat­en, exo­tis­chen Fremd­wörtern und der­art kun­stvoll ver­schachtel­ten Neben­sätzen, dass kaum ein­er der Zuhören­den den Sinn des Ganzen noch zu erfassen ver­mochte. Als Hans Albert um ein kurzes State­ment gebeten wurde, huschte ein schalkiges Lächeln über sein Gesicht. Er erk­lärte, dass er bedauer­licher­weise nicht alles ver­standen habe, doch höchst beein­druckt sei von der enor­men Gelehrsamkeit des Kol­le­gen. Nur eines hätte er am Ende doch allzu gerne gewusst: „Welch­es Prob­lem woll­ten Sie mit Ihrem Vor­trag eigentlich lösen?“

Prob­lem­lö­sung ist die Auf­gabe, der Albert sein Leben gewid­met hat. Sein Werk zeugt von Sachver­stand, selb­stkri­tis­ch­er Reflex­ion und intellek­tueller Bril­lanz, die weit über seine eige­nen Fach­gren­zen wahrgenom­men und geschätzt wer­den. Selb­st­darstel­lung oder gar Arro­ganz sind Albert jedoch fremd. Er gilt als ein Fre­und des under­state­ments, der gerne mal von sich behauptet, ein­fach nur „ein paar Büch­er“ veröf­fentlicht zu haben. Dabei war er nicht nur ein­er der maßge­blichen Pro­tag­o­nis­ten des soge­nan­nten Pos­i­tivis­musstre­its, in dem er sich einen Schlagab­tausch mit Jür­gen Haber­mas lieferte, son­dern gilt auch als der führende Vertreter des Kri­tis­chen Ratio­nal­is­mus im deutschsprachi­gen Raum.

Um Hans Albert und sein Lebenswerk zu würdi­gen, ent­stand im Umfeld der Gior­dano-Bruno-Stiftung die Idee, ein „Insti­tut zur Förderung des kri­tisch-ratio­nalen Denkens in Poli­tik, Wirtschaft und Gesellschaft“ zu grün­den. Ende 2019 erteilte Hans Albert der Stiftung die Genehmi­gung, einen solchen Think Tank unter seinem Namen zu führen, sodass das Hans-Albert-Insti­tut rechtzeit­ig zu Alberts 99. Geburt­stag im Feb­ru­ar 2020 der Öffentlichkeit vorgestellt wer­den kon­nte.

 

Vita

  • Geboren am 8. Feb­ru­ar 1921 in Köln
  • 1939–1945: Arbeits­di­enst und Sol­dat, ab 1942 Artillerie­of­fizier; ab 1945 in amerikanis­ch­er Kriegs­ge­fan­gen­schaft
  • Ab 1946: Studi­um der Ökonomie an der Wirtschafts- und Sozial­wis­senschaftlichen Fakultät der Uni­ver­sität Köln
  • 1950: Abschluss des Kauf­mann-Diploms mit der Diplo­mar­beit “Poli­tik und Wirtschaft als Gegen­stände der poli­tis­chen und ökonomis­chen The­o­rie”
  • 1952: Pro­mo­tion zum Dr. rer. pol. mit der Dissertation“Rationalität und Exis­tenz. Poli­tis­che Arith­metik und poli­tis­che Anthro­polo­gie”
  • 1952–1958: Assis­tent am Forschungsin­sti­tut für Sozial- und Ver­wal­tungswis­senschaften an der Uni­ver­sität Köln
  • 1955: Erst­ma­lige Teil­nahme an den Alp­bach­er Hoc­schul­wochen, wo er u.a. Ernst Top­itsch, Paul Fey­er­abend und später Karl Pop­per ken­nen­lernte
  • 1957: Habil­i­ta­tion für Sozialpoli­tik an der Uni­ver­sität Köln; Heirat von Mar­garete von Pach­er
  • 1961–1969: Maßge­blich­er Pro­tag­o­nist des sog. Pos­i­tivis­musstre­its, neben Pop­per, Adorno und Haber­mas
  • Ab 1963: Lehrstuhl für Sozi­olo­gie und Wis­senschaft­slehre der dama­li­gen Wirtschaft­shochschule, heute Uni­ver­sität Mannheim
  • 1968: Veröf­fentlichung des “Trak­tat über kri­tis­che Ver­nun­ft” – eines der
    großen Stan­dard­w­erke der Erken­nt­nis- und Wis­senschaft­s­the­o­rie
  • 1976: Ver­lei­hung des Vits-Preis
  • 1984: Ver­lei­hung des Arthur-Bur­ck­hard-Preis
  • 1994: Ehrenkreuz für Kun­st und Wis­senschaft der Repub­lik Öster­re­ich
  • 1995: Ehren­dok­tor der Uni­ver­sität Linz
  • 1997: Ehren­dok­tor der Uni­ver­sität Athen
  • 2000: Ehren­dok­tor der Uni­ver­sität Kas­sel
  • 2008: Bun­desver­di­en­stkreuz 1. Klasse